Auf eine Cola mit Rave Guerilla

„Wir wollen eine moderne, politische Form der Kundgebung etablieren und zwar mit Hilfe von Musik.“

Eine Demo, das ist doch, wenn viele Leute auf die Straße gehen, Transparente und Trillerpfeife dabei haben und für oder gegen etwas laut werden. Solche Protestzüge also, wie man sie vor allem am 1. Mai oder bei Gegendemonstrationen gegen Nazis sieht. Aber in Erlangen organisiert die RaveGuerilla eine ganz besondere Form von Demonstration. Auf dieser Demo darf, nein soll nämlich getanzt und gefeiert werden. Und am Freitag, dem 8. Mai, wird bereits zum fünften Mal ravend demonstriert.

Raven gegen Rassismus mit den Rave Guerilla
Raven gegen Rassismus mit den Rave Guerilla

 

Es gab schon den Rave gegen Nationalismus, den Rave für Menschenrechte, den Rave mit Kleidertausch gegen Ausbeutung und den Bildungsprotest-Rave. Am Freitag steht die Veranstaltung dann unter dem Motto Tag der Befreiung – 8. Mai. Wir zitieren hier mal ganz frech den Text der Facebook-Veranstaltung:

„Am 8. Mai jährt sich die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und damit die Befreiung vom Nationalsozialismus zum 70. Mal. Der Triumph über Deutschland bedeutete das Ende von systematischer Vernichtung, Massenmord, Verfolgung, Zweitem Weltkrieg und der Shoa. Dank gilt allen Kräften, die dem nationalsozialistischen System zur endgültigen Niederlage verholfen haben und den 8. Mai zu einem Tag der Befreiung gemacht haben. In Deutschland spielt der 8. Mai eine geringe Rolle, doch wir sagen: Lasst uns den 8. Mai feiern!“

Wir haben uns mit Moritz Michelson, dem Initiator der Raves und einem von momentan sechs Mitglieder der RaveGuerilla, auf eine Cola getroffen und er hat uns erzählt, was denn hinter dem Rave steckt.

SO: Wie kamt ihr auf die Idee eine Demo mit einem Rave zusammen zu veranstalten?

M: Es waren zwei Anliegen. Zum einen bin ich seit der Audimax-Besetzung 2009 politisch aktiv und ich fand es immer sehr schade, dass sich so wenige Leute politisch engagieren. Meine Frage war dann eigentlich immer: Wie haben mehr Leute Lust und den Willen dazu, sich politisch zu einzubringen? Der zweite Punkt ist der öffentliche Raum, also wie man da mehr Leben, also auch politisches Leben und politischen Diskurs reinbringen kann. Es geht also darum, eine moderne Form der Demonstration zu finden, die dann auch noch Leute motiviert, und der zweite Gedanke ist an die „Reclaim the Streets“-Idee geknüpft, also im öffentlichen Raum Politik und Leben zu gestalten.

SO: Wie lange wurde daran getüftelt und gab es einen konkreten Auslöser für den ersten Rave?

M: Ich hab schon länger mit der Idee in meinem Kopf gespielt und der konkrete Anlass waren dann im Mai 2014 die vielen Veranstaltungen von AfD und rechten Gruppierungen, die auch in Erlangen stattgefunden haben. Dem wollten wir konkret in Erlangen, im öffentlichen Raum was entgegensetzen. Und dann hab ich Freunde und Freundinnen von mir angerufen, die in etwa die gleiche politische Meinung haben wie ich und hab sie gefragt, ob sie nicht da auflegen und mitmachen wollen. So kamen dann auch die vier DJs dazu, die jetzt immer noch auf den Raves auflegen, also Lukas Koch, Light Leak, Olvrsddn und Yannick Dixken.

Foto: @Bengin Özdil | Demo & Rave: Bildungsprotest — eine andere Uni ist möglich!
Foto: @Bengin Özdil | Demo & Rave: Bildungsprotest — eine andere Uni ist möglich!

SO: Und wie lief die Zusammenarbeit mit der Stadt Erlangen, weil man solche Demonstrationen ja immer beim Ordnungsamt anmelden muss? Gab es da Probleme mit der Anmeldung oder der Polizei während der Veranstaltung?

M: Bisher war die Stadt immer sehr freundlich und hat mit uns kooperiert. Die Polizei war bisher auch meistens freundlich und unterstützend. Hoffen wir, dass das so bleibt!

SO: Hattet ihr mal Probleme mit Nachbarn?

M: Es gaben immer mal wieder Anwohner, die sich mit einer Beschwerde an die Polizei gewandt haben. Aber es ist so, dass wir durch das Versammlungsgesetz geschützt sind, und der Rave findet ja auch immer nur von nachmittags bis 22 Uhr statt. Das ist genau der Zeitraum, in dem wir die Veranstaltung auch angemeldet haben und bis jetzt hat es auch immer geklappt, dass wir um 22 Uhr den Rave beendet haben.

SO: Ihr seid ja dann immer einige Stunden am Hugo mit eurem LKW, der Musik und den tanzenden Menschen. Bekommt ihr da viel Laufpublikum, also Leute, die nicht von Anfang an auf der Demo waren, die sich dann aber doch spontan entschließen mitzutanzen?

M: Da gibt es eigentlich immer ganz viele Passantinnen und Passanten, die sich da anschließen. Die ersten beiden Raves wurden auch sehr kurzfristig, also nur drei Tage vor der Veranstaltung, meistens angemeldet und geplant und dann haben wir über Facebook die Leute mobilisiert. Das hatte zwar keine so große Reichweite, aber sie war weit genug und es haben sich auch viele erst während der Veranstaltung angeschlossen.

SO: Wie war bisher das Feedback, so eine Form der politischen Veranstaltung zu machen?

M: Es haben sich viele Leute positiv dazu geäußert, durch diese Form jungen Leuten die Politik und politische Themen näher zu bringen und so in der Stadt zu transportierten. Viele haben sich überrascht gezeigt, dass so eine Form der politischen Kundgebung überhaupt in Erlangen möglich ist.

SO: Wie stemmt ihr den Rave denn finanziell?

M: Also es sind alle, die an den Raves mitmachen, vollkommen ehrenamtlich tätig. Dafür auch hier nochmal Danke an die zahlreichen Mitwirkenden, DJs, Unterstützenden, Helferinnen und Helfer im Laufe aller Raves! Die bei den Raves anfallenden Kosten, wie für Strom, Plakate und ähnliches, haben wir selbst finanziert, zum Teil mit der Hilfe unterstützender politischer Gruppen, die dann auch im Aufruf genannt werden. Diesen Rave am 8. Mai veranstalten wir als Bündnis gemeinsam mit der gruppo diffuso, der Gruppe Antithese, und E.G.A.L., das ist die Erlanger Gruppe Antifaschistischer Linker. Die werden, wie wir, dann auch dort eine Rede halten.

SO: Besteht nicht die Gefahr, dass einige Teilnehmer des Raves nur zum Tanzen da sind, aber mit der Politik nicht viel zu tun haben wollen?

M: Naja, die Gefahr ist vielleicht da, aber die Botschaft, die hinter dem Ganzen steht, ist sehr eindeutig und es ist mir auch wichtig, dass im Titel der Veranstaltung klar ist, worum es da geht. Deswegen hat auch jeder Rave einen Titel für oder gegen etwas. Kein Mensch kann dort sein, ohne zu wissen, worum es geht. Alle Leute, die daran teilnehmen, sollen den Spaß mitnehmen, aber es muss auch deutlich sein, dass die Veranstaltung für eine Sache einsteht. Die Message dahinter soll auch sein, dass Politik Spaß machen kann und auch soll. Das ist kein Nachteil und wir sollten auch den Mut haben zu zeigen, dass eine Demo keine langweilige Pflichtveranstaltung sein muss, bei der alle in der Stadt einmal im Kreis marschieren, an manchen Stellen vielleicht auch gesehen werden, aber oftmals einfach nur durch leere Straßen laufen.

Demo & Rave: Bildungsprotest — eine andere Uni ist möglich! |
Demo & Rave: Bildungsprotest — eine andere Uni ist möglich!

SO: Was würdest du dir für die Demo am 8. Mai wünschen?

M: Also ich würde mir wünschen, dass die Botschaft eine möglichst große Reichweite hat. Dass die Wirkung möglichst viele Leute erreicht und dass der 8. Mai und die Befreiung von den Nazis nicht vergessen, sondern gefeiert wird. Der 8. Mai ist vielen vielleicht nicht bewusst als Datum, aber nach dem Rave werden es hoffentlich alle in Erlangen wissen. Es soll auch den Leuten, die da sind, Spaß machen und ihnen auch Mut machen, sich politisch auszudrücken, so wie es ihnen gefällt.

SO: Wo soll es hingehen mit der RaveGuerilla, was sind eure Ziele für die Zukunft?

M: Wir wollen eine moderne politische Form der Kundgebung etablieren und zwar mit Hilfe von Musik. Es ist wichtig, dass sich politische Ausdrucksformen immer wieder aktualisieren. Wir suchen uns auch immer utopische Themen aus, die in der aktuellen Tagespolitik keinen Raum haben. Ich bin politisch schon ein Idealist und ein bisschen ein Träumer, aber wenn Idealismus im politischen Ablauf komplett fehlen würde, dann würde es auch weniger Erfolge geben. Es muss schon immer der Druck da sein, mehr zu wollen als das, was schon da ist.

Mehr Infos über die Rave Guerilla: facebook.com/raveguerilla

Interview: Lea

 

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