Repellent in Russland – Tourtagebuch (Teil 1)

Dies ist die Geschichte der Band Repellent, die eigentlich nie erwartet hätte, in ihrem Leben mal russische Luft schnuppern zu können. Im Grunde haben wir uns beim Erlanger Newcomer Festival beworben, um halt auch einmal im E-Werk spielen zu können. Als im Finale 2017 dann der 1. Jurypreis UND der Publikumspreis winkten, waren wir erstmal ziemlich baff; aber nun gut, man will sich ja nicht beschweren.

Jedenfalls folgten dann eine Menge organisatorisches Hick-Hack, Gespräche mit der Stadt Erlangen und Gespräche mit der russischen Vertretung – Pässe beantragen, Visa klarmachen, eine Auslandskrankenversicherung abschließen, die uns oder unsere sterblichen Überreste auch im Fall des Todes durch zu viel Wodka zurück nach Deutschland bringen würde. Am 25. Oktober konnten wir uns dann endlich in Richtung Wladimir aufmachen. Unser Ansprechpartner in Deutschland, Peter Steger, hatte uns empfohlen, ein paar Worte Russisch zu lernen. Und schnell sollten wir auch feststellen, welch ein wirklich weiser Mann er ist. Bereits am Moskauer Flughafen kommen wir mit unserem Schulenglisch nicht wirklich weiter. Allgemein sprechen lang nicht alle Russen Englisch. Die jungen Leute tendenziell etwas mehr, aber Sprachbarrieren gibt es zu Hauf. Die Grenzkontrolle besteht größtenteils aus betretenem Schweigen, den musternden Blicken der russischen Beamten und den Schweißperlen auf unserer Stirn, ob denn nun auch alles wirklich klappen würde. Am Ende kommen wir glücklicherweise alle mehr oder weniger unproblematisch durch die Schleuse, und am Ausgang wartet bereits der Gitarrist von unseren neuen Freunden, Abandoned Land, der Band, mit der wir die nächsten Tage zwei Konzerte spielen sollen. Jewgenij heißt er, und ohne lange Umschweife führt er uns zum Kleinbus, der uns weiter nach Wladimir bringen soll.

Die Stimmung im Bus ist erstmal ziemlich gedrückt – wir sind müde vom Flug. Außerdem wissen wir nicht wirklich, was wir mit unserem neuen Freund anfangen sollen, und umgekehrt ist es genauso, so zumindest der Eindruck. Glücklicherweise stoppen wir an einem Supermarkt und unser Begleiter der übrigens sehr gutes Englisch spricht, fragt uns, ob wir noch irgendetwas bräuchten. Aus unseren trockenen Kehlen ertönt ein beherztes „Piwa!“, das wichtigste Vokabular hatten wir uns ja angeeignet, und wir wollten natürlich direkt mal damit angeben. Wir sehen unseren Begleiter das erste Mal breit grinsen; er meint nur: „Maybe some Vodka?“ und führt uns zu den ethanolhaltigen Erfrischungsgetränken. Gewappnet mit Wurst, Käse, Bier und Wodka treten wir die letzten drei Stunden nach Wladimir an. Und langsam wird es auch geselliger, Essen und Trinken umgehen letztendlich doch alle Verständigungsprobleme. Wir stoßen an, Jewgenij will später noch fahren – auf russischen Straßen, entgegen dem Klischee, übrigens bei 0,0 Promille – aber einer geht schon. Wir tauschen Geschichten aus, zeigen uns Musikvideos, reden über dies und das. Wir durchlöchern Jewgenij mit all unseren Fragen, die uns noch so im Kopf herumschwirren, und langsam aber sicher fühlen wir uns wie zu Hause. Die Fahrt von Moskau nach Wladimir dauert gute fünf Stunden, obwohl die Strecke nur etwa 200 Kilometer lang ist. Das Straßennetz hier ist eben anders: Autobahnen gibt es nicht. Stattdessen ziehen sich sieben Hauptverkehrsstraßen durchs Land – man könnte sie mit den Bundesstraßen in Deutschland vergleichen; mal einspurig, mal zweispurig, seltenst dreispurig. Und auch wenn wir uns noch im Speckgürtel um Moskau befinden, fällt auf, da wie weitaus weniger dicht besiedelt es hier als in Deutschland ist. Zwischen den großen Städten gibt es eigentlich nur Wald, gelegentlich tauchen kleine Siedlungen aus urtümlichen Holzhütten mit traditionell verzierten Fassaden entlang der Straße auf.

Als wir in unserer Unterkunft, dem „Nice Hostel“ in Wladimir, ankommen, ist es längst dunkel geworden. Wir wohnen recht schlicht in einem 8-Bett-Zimmer, aber die Präsidentensuite hatten wir auch nicht erwartet, schließlich sind wir Musiker. Die ersten zwei Nächte verbringen wir zusammen mit einem Holländer, der in Moskau ein Auslandssemester absolviert und gerade ein wenig durchs Land reist – sympathischer Typ. Nachdem wir uns eingerichtet haben, treffen wir im Hostel auch Andrej, ebenfalls Gitarrist bei Abandoned Land. Zusammen spazieren wir ins Stadtzentrum zum Abendessen im Pub Garage, die kurze Bewegung ist uns nach zwölf Stunden im Flugzeug bzw. im Bus sehr willkommen. Uns wird ein Drei-Gänge-Menü kredenzt – Pilzsuppe, ein „Salat“, der eigentlich überwiegend aus Mayonnaise und Fleisch besteht, und der Hauptgang. Dazu gibt es schwarzen Tee, den die Russen anscheinend ununterbrochen trinken. Kein Bier, kein Wodka, unsere Klischees werden mal wieder nicht erfüllt. Aber so richtig in Trinklaune sind wir eh nicht, wir können nüchtern schon kaum die Augen aufhalten. Nach dem Essen führt uns Andrej noch etwas durch die Stadt, zeigt uns seine Lieblingsorte. Wir merken schnell: Er ist hier bekannt wie ein bunter Hund, quasi „Mr. Wladimir“, ständig trifft er seine Leute und spricht kurz mit ihnen. Wir gehen in den Stadtpark, der sich um eine sehr imposante orthodoxe Kirche erstreckt. Andrej erzählt uns, er mache im Sommer hier gern Straßenmusik mit seinen Freunden oder spanne einfach nur aus. Er spricht nur gebrochen Englisch, aber es reicht, um sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Ständig entschuldigt er sich dafür: „Sorry guys, my English very dumb.“ Das ist uns fast schon unangenehm. Andererseits führt das öfter mal zu lustigen Situationen – immer wenn Andrej ein Photo schießen will, meint er nur: „Stand here guys, I shoot you!“. Irgendwann wird der Spruch zum Running Gag. Englisch hin oder her, jedenfalls ist er ein sehr sympathischer Kerl, und wir haben Spaß. Nach dem nächtlichen Spaziergang geht’s zurück ins Hostel, wir fallen in die Betten und schlafen wie kleine Babys. Morgen geht es schließlich schon um 9 Uhr weiter zum ersten Konzert nach Murom.

Was gibt es zu Murom zu sagen? Murom ist eine kleine Stadt im Bezirk Wladimir, eine historisch sehr wertvolle Stadt. Wikipedia hilft: Das erste Mal wurde Murom im Jahre 862 erwähnt, war damals Handelsknotenpunkt, und die Stadt blieb im Zweiten Weltkrieg tatsächlich weitestgehend verschont. Bei einem kleinen Spaziergang mit unserem Guide Max können wir also vor allem die vielen alten Kirchen bewundern. Mit viel Elan und ein wenig Google Translator erzählt er uns alles Wissenswerte über seine Heimatstadt. Ein kleiner Abstecher geht auch ins alte Männerkloster, das auch heute noch von Mönchen bevölkert wird. Einen von ihnen treffen wir auch, und er führt uns in den Glockenturm. In diesem Fall – und anscheinend öfter hierzulande – sind es aber keine Glocken, die läuten, sondern schwere, mehr oder weniger starke Metallplatten, die senkrecht an einem Gerüst aufgehängt sind. Mit Hämmern und rudimentären Apparaten, die der Fußmaschine eines Drumsets ähneln, werden sie gespielt. Bevor der Mönch loslegt, meint Max, die Klänge sollen den Teufel austreiben und die Seele reinigen. Wir belächeln das Anfangs ein wenig, so richtig gläubig ist von uns niemand. Als der Mönch aber zu hämmern beginnt, werden wir ein wenig stutzig. Die Frequenzen und die Lautstärke der Platten gehen einem wirklich durch Mark und Bein, auch ein paar Minuten später fühlt es sich noch ein wenig so an, als würden die Platten im Körper weiterschwingen. Der Teufel wurde uns vielleicht nicht ausgetrieben, eine interessante Erfahrung war es aber allemal. Irgendwann im Laufe der Stadtführung kommen wir auf das Thema Handelssanktionen. Max fragt uns, was wir davon halten und wie wir zur Politik zwischen dem Westen und seinem Land stehen. Wir wissen erstmal nicht, was wir sagen sollen. Irgendwie war das Thema für uns immer sehr abstrakt, so weit weg, und eine richtige Meinung haben wir nicht. Max erlöst uns aus der peinlichen Situation und meint nur: „No sanctions, just friendship“. Eine schöne Aussage, die wir eigentlich nur abnicken können. Das politische Klima kommt immer wieder im Gesprächen mit den Russen auf. Wann immer wir jemand neuen treffen, kommt das Thema Sanktionen irgendwann auf. Die Russen sind sehr gastfreundliche und unheimlich nette Leute, ganz ausschalten kann man die angespannte Lage aber nicht.

Der Club, in dem wir an diesem Abend als Headliner auftreten, ist wirklich erste Sahne. Stilvoll eingerichtet, eine Bühne, die in unseren Breitengraden ihresgleichen sucht und erstklassiger Sound – wir haben Bock! Während der ersten beiden Bands wird uns langsam klar, wie sehr die Russen auf Cover-Rock stehen. Von blink-182 bis Nirvana werden alle Klassiker ausgepackt, und das Publikum hat sichtlich Freude daran. Fuck, denken wir uns. Wir haben nur unsere eigene Musik dabei; werden wir jetzt ausgebuht? Wird die Crowd nur apathisch rumstehen und uns komisch anschauen? Die Aufregung steigt jedenfalls langsam. Überdies ist der Club nicht wirklich gut gefüllt. Circa 20 Leute haben sich eingefunden, und in einer Location, die für schätzungsweise 150 Leute ausgelegt ist, wirken sie ganz schön verloren. Im Backstage sind die Musikerkollegen am Schnapseln – die Einladung nehmen wir natürlich gerne an, man will ja nicht unhöflich sein. Auch wenn die Kollegen nur Russisch sprechen, stört das nicht – Völkerverständigung durch Wodka.

Mit ein paar Schüssen Zielwasser geht’s schließlich auf die Bühne, und alle Befürchtungen verfliegen. Schon nach dem ersten Song schlägt uns schallender Applaus entgegen, der genausogut von 100 Leuten hätte kommen können. Wir spielen gefühlt eines unserer besten Konzerte aller Zeiten – im Publikum wird getanzt, gegrölt, gefeiert. Der Eindruck von der Bühne aus bestätigt sich nach dem Konzert am Merchandise-Tisch. Die Leute kommen auf uns zu, wollen Autogramme, Shirts, und Bilder mit uns. Immer wieder kriegen wir gesagt, wie toll das Konzert war. Auch unsere Freunde von Abandoned Land sind begeistert. Selten fühlt man sich in einer Amateur-Band so „rockstarmäßig“ – wir fahren mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht und todmüde nach Wladimir zurück.

Fotos & Text: Repellent
Infos zur Band: www.facebook.com/repellent.band

Dieses Tourtagebuch entstand in Kooperation mit www.erlangenwladimir.wordpress.com
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