Repellent in Russland – Tourtagebuch (Teil 2)

Samstag. Das erste Mal sehen wir Wladimir im Tageslicht, und Andrej nutzt die Gelegenheit, uns nochmal eine ausführliche Führung zu geben. Dabei kaufen wir noch Mitbringsel für die Daheimgebliebenen ein: traditionellen russischen Tee, Kühlschrankmagneten und den üblichen Tand. Auch ein kurzer Abstecher zum lokalen Music Store gehört zum Pflichtprogramm, die Pleks hatten wir in Murom allesamt verschenkt, und es brauchte Nachschub.

Am Abend findet dann in Wladimir unser zweites Konzert im Z-Club statt. Wieder ein relativ großer Saal, wieder finden sich leider nur sehr wenige Gäste ein. Andrej meint nur: „Rock is dead in Vladimir“. Irgendwie kommt uns das sehr bekannt vor, in der Region Nürnberg sind die Rockkonzerte auch nicht zwingend gut besucht. Auch das Publikum ist diesmal nicht ganz so motiviert wie am Tag zuvor, rhythmisches Kopfnicken und Hin- und Hertänzeln prägen das Konzert. „Yesterday they wanted to drink, today they wanted to listen“, sagen uns Abandoned Land. Ob das daher rührt, daß Murom ja eher eine rurale Gegend und Wladimir eine Großstadt ist, wissen wir nicht. Wir vermuten es aber zumindest.

Die Konzerte waren trotz kleinem Publikum ein voller Erfolg und eine saugeile Erfahrung für uns – darauf anstoßen wollen wir auf jeden Fall! Mit der gesamten Mannschaft von Repellent und Abandoned Land samt Freundinnen geht’s in die nächste Kneipe. Bei Bier und Wodka resümieren wir über die Konzerte, über Musik im Allgemeinen und tauschen Bandgeschichten aus. Als wir das erste Mal zum Rauchen vor die Tür gehen, ist Wladimir bereits komplett weiß. Wir erleben den ersten Schnee in diesem Jahr und fühlen uns, als wäre Weihnachten. Leider – oder zum Glück, je nachdem wie sehr man Schnee mag – ist es in hier ähnlich warm wie zu Hause, und am nächsten Morgen ist alles geschmolzen.

Ordentlich angeheitert, fahren wir zurück zum Hostel. Wir beschließen, noch nicht ins Bett zu wollen und ziehen auf eigene Faust durch den Schnee, bis wir einen Kiosk finden, eine Art russischen Späti. Dort treffen wir ein paar sehr angeheiterte, aber auch sehr nette Russen und trinken zusammen. Uns wird beigebracht, man sage eigentlich nicht „Na sdorowje“ sondern „Sa sdorowje“. Na gut, dann eben sa sdorowje. Spät in der Nacht geht es dann zurück zum Hostel.

Am Sonntag haben wir keinen Zeitdruck, kein Konzert steht an, und wir fahren in die kleine historische Stadt Susdal, die etwa 30 km nördlich von Wladimir liegt. Hier kommen auf ca. 10.000 Einwohner gut 300 Kirchen, genug zu sehen gibt es also allemal. Es wäre ziemlich zweckfrei, alle Kirchen detailliert zu beschreiben – wir sagen einfach mal: Es ist eine wunderschöne Stadt. Nachdem sich unser Sänger grazil beim Hangerklimmen in den russischen Matsch geflackt hat, fahren wir kurz zurück zum Hostel, um uns umzuziehen. Denn wir sind bei den Eltern von Anton, Baßist und Sänger von Abandoned Land, zum Essen eingeladen. In einem Vorort von Wladimir, etwas außerhalb, öffnet sich uns die Tür zu ihrem wirklich wunderschönen Zuhause. Beim Essen bemerken wir, wie die Uhren der Gleichberechtigung hier noch etwas anders ticken als in Deutschland. Es gibt einen Männertisch und einen Frauentisch; und während die Herren sich an Bier und hausgemachtem Meerrettichschnaps von Antons Vater verlustieren, tischen die Damen auf, kochen und räumen Geschirr ab. Etwas unwohl ist uns dabei schon; aber eine Diskussion über Gleichberechtigung wollen wir auch nicht vom Zaun brechen, man will ja höflich sein. Es gibt neben zahlreichen Vorspeisen traditionell Borschtsch, Hacksteaks und Schaschlik. Manchmal fragt man sich schon, wie ein Vegetarier hier überleben kann – aber Andrej meint, es funktioniert. Wir reden lang und über vieles. Antons Eltern fragen uns, wie es in Deutschland mit den vielen Flüchtlingen funktioniere. Offenbar können sie sich so eine Massenwanderung gar nicht vorstellen; und ganz nebenbei bemerkt haben wir hier tatsächlich kaum ethnische Minderheiten oder andere Hautfarben gesehen. Sie erzählen uns auch von ihrem Urlaub in Erlangen und wie erstaunt sie waren, dort alles so sauber vorzufinden. Mit vollem Magen und ein wenig wehmütig kehren wir spät abends zum Hostel zurück. Wir verabschieden uns von allen, am nächsten Morgen geht es bereits zurück nach Deutschland. Wir haben unsere Gastgeber wirklich liebgewonnen, und der Abschied fällt uns schwer; ein Wiedersehen gibt es ja aber bereits in zwei Wochen in Erlangen. Am Montagmorgen begleitet uns Jewgenij wieder im Bus zurück nach Moskau. Er beantragt dort Visa für die Band. In Wladimir kenne sich damit wohl keiner aus, meint er. Wir verabschieden uns am Flughafen und treten schweren Herzens die Heimreise an.

Unsere Reise ist für uns alle eine Erfahrung, die wir unter keinen Umständen missen möchten. Wir wurden unglaublich herzlich empfangen und haben uns wirklich wie zu Hause gefühlt. Wir konnten schöne Städte sehen, mehr Kirchen als wir zählen konnten und einfach wunderbare Menschen kennenlernen, mit denen wir hoffentlich noch lang in Kontakt bleiben werden. Ein besonderer Dank geht an Abandoned Land. Während wir uns über eine großzügige Förderung seitens des Amtes für Soziokultur der Stadt Erlangen freuen durften, hatten die Jungs von der Band all die Führungen, die Organisation und das Programm ganz allein zu stemmen. Sie zahlten für unsere Verpflegung und opferten volle vier Tage ihrer Zeit, um unseren Besuch so angenehm wie möglich zu gestalten. Ganz nebenbei haben wir neue, sehr gute Freunde gewonnen. Wir werden unser Bestes geben, uns in Erlangen zu revanchieren. Tausend Dank! Wir kommen gerne wieder!

Fotos & Text: Repellent
Infos zur Band: www.facebook.com/repellent.band

Dieses Tourtagebuch entstand in Kooperation mit www.erlangenwladimir.wordpress.com
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