Komm wir sagen alles ab

Die vergangenen Monate scheinen surreal. Corona bringt die Welt zum Stillstand, so auch den Veranstaltungsbetrieb. Dies ist ein Versuch den Wandel den dieser Virus verursacht aus meiner Sicht (der Sicht einer Veranstalterin) in Worte zu fassen.

Es ist der 12. März 2020: Ich feiere meinen Geburtstag im australischen Outback. Vor zwei Monaten hatte ich meinen letzten Arbeitstag im Kulturzentrum E-Werk in Erlangen. Neun Wochen Urlaub. Neun Wochen out of office. Eine tolle Reise liegt bereits hinter mir, ich lebe in dieser sorgenlosen Reisewolke: Hinter mir liegen viele Kilometer, mein Kopf voller Abenteuer, meine FreundInnen und Familie mehr als 15.000 km entfernt. Aber die werde ich ja bald wiedersehen und in den Arm nehmen. Als ich am späten Nachmittag (7,5 Stunden Zeitversetzung) in den Hot Springs des Elsey Nationalparks chille, trudeln die ersten Geburtstagswünsche ein. Doch mit diesen Geburtstagswünschen erreicht mich auch DIE Nachricht: Alle Veranstaltungen des E-Werks sind bis Mitte April abgesagt. Alle Veranstaltungen in Deutschland sind abgesagt. Im Krokodil-Paradies des tropischen Nordens Australiens scheint das alles ganz weit weg zu sein und doch sinkt diese Meldung nach und nach ein. Abgesagt. Keine Veranstaltungen. Keine Konzerte. Was ist denn da los?

Zwischen mir und meinem Heimflug liegen zu diesem Zeitpunkt noch 10 Tage und zwei gigantische Nationalparks: Kakadu und Litchfield. Während ich in dieser menschenleeren Gegend meist ohne Internet unterwegs bin, spitzt sich die Lage daheim weiter zu: Ich lese von Klopapier-Schlachten und Hamsterkäufen, Lockdowns und geschlossenen Grenzen. „Auf dich wartet keine Arbeit. Das E-Werk bleibt zu. Kurzarbeit.“, heißt es in einer Nachricht. Derweil wandere ich durch einen tropischen Wald und staune über die riesigen Fledermäuse, die über mir in den Bäumen hängen. Surreal. Hier scheint die Welt doch in Ordnung. Dieser Eindruck wandelt sich schnell, als mein Flug abgesagt wird. In Darwin, der größten Stadt des Northern Territorys, angekommen checke ich in ein Hostel ein. Alleine in meinem Zimmer schaue ich mir die Nachrichten im australischen Fernsehen an: Corona, Corona, Corona. Beim Einkaufen sind auch in Darwin die Regale geblündert. Zu diesem Zeitpunkt gibt es genau zwei Corona-Fälle im Territory, einem Gebiet das zweimal so groß ist wie Frankreich und lediglich halb so viele EinwohnerInnen wie Nürnberg zählt. Gehen oder bleiben? Auf drängen von Familie und FreundInnen, sowie mit einem Blick auf die hiesige Entwicklung bezüglich bis auf weiteres geschlossener Grenzen und gegroundeten internationalen Flotten, beschließe ich zu gehen. Einen Ersatzflug kann ich organisieren, am 22.03.2020 lande ich also in Deutschland.

Doch was wartet dort auf mich? „Willkommen in der Realität.“, schreibt ein Freund zur Begrüßung. Die Realität fühlt sich kalt an. Leer, verschlossen, still.

Eine Welt ohne Veranstaltungen ist für mich als Veranstalterin schwer vorstellbar. Vor neun Wochen hatte ich mich gefreut „out of office“ in meine Abwesenheitsnotiz zu tippen. Doch wie lange würden wir alle nun out of office bleiben (können)?

Seit diesem März 2020 ist so viel dort draußen passiert, während ich in meiner Wohnung saß, den Statistiken beim wachsen zusah, Mails schrieb um Veranstaltungen zu verlegen oder abzusagen. Die letzten Monate haben sich nicht real angefühlt, auch wenn ich den Freund der mich in der Realität willkommen hieß im Videochat wiedersehen konnte. Real hat es sich nicht angefühlt. Es fühlt sich immer noch nicht real an. Irgendwie scheint es unwirklich keine Konzerte veranstalten zu können, keine Lesungen und Slams zu erleben, nicht durch die Kellerbühne zu laufen während dort ein ausverkauftes Kneipenquiz stattfindet, nicht als Stagemanagerin beim Festival an der Bühne zu stehen. Und nicht als Fan davor. Keine Clubs, keine Kneipen. E-Werk, club stereo, Z-Bau, MUZclub, Desi, kunstkeller 027, Kopf und Kragen, New Force, Scheune, Dezibel, Zentrum Wiesengrund, Kantine, Transfer, Kater Murr, Mono Bar, Willich, USG6, Dorfschulze, Boca und wie sie alle heißen – die Liste ist unendlich. Die Liste der Lieblingsläden, die einen immer willkommen hießen. Alles zu, alles geschlossen, alles abgesagt & verschoben. Zwar dürfen Biergärten wieder öffnen und ab dem 15. Juni kann man wieder Veranstaltungen mit 50 Personen innen und 100 Personen außen veranstalten, aber die zwingenden Hygiene-Maßnahmen sind für die meisten Veranstalter kaum umsetzbar.

Doch wo so viel Verzweiflung herrscht, herrscht auch Hoffnung. Vielleicht dürfen wir im Herbst wieder veranstalten? Vielleicht. Vielleicht im Winter? Vielleicht. Vielleicht erst in 2021? Vielleicht. Ach, sag doch alles ab!

Aber es braucht doch jetzt Lichtblicke. Wir sind doch da! Diese Lichtblicke gibt es: United We Stream! Ihr dürft nicht zu uns kommen, dann kommen wir zu euch. Denn jetzt ist die Zeit daheim zu bleiben, Zeit sich fern zu halten und doch den Kontakt nicht zu verlieren. Mit dem in Berlin entstandenen Projekt United We Stream wird live aus verschiedenen Venues übertragen. Zusätzlich keimen und wachsen Live-Streams in allen Ecken des Internets: Partystreams aus dem club stereo, HipHop-Streams aus Nürnberg aka HipHub Nbg, Livestreams aus dem E-Werk. KünstlerInnen streamen auf Instagram, YouTube, Twitch, Facebook oder eigens geschaffenen Portalen wie dringeblieben.de und kultur-revolte.de. Plötzlich kann man innerhalb von Sekunden vom Hamburger Molotow ins Marburger KFZ wechseln. Australien streamt, Schottland streamt, Deutschland streamt – die Welt streamt. Das ist schön, auch wenn ein Stream nur eine Brise im Vergleich zum Sturm einer echten Live-Veranstaltung ist.

Autos sind überall das Thema, auch in der Veranstaltungsbranche: Autokino, – konzerte, – partys. Hm. Ok. Ich fahre lieber Zug und besitze kein Auto. Aber es wird (hoffentlich) auch ohne Autoveranstaltung gespendet, damit wir bald wieder in die Lieblingläden gehen und unsere LieblingskünstlerInnen live erleben können – damit diese eine solche Krise überleben. Mit Initiativen wie #bemyquarantine und Geisterkonzerten (u.a. Kulturliga) können sich Fans solidarisch mit ihren liebsten Clubs und Veranstaltern zeigen. Der Verband für Popkultur in Bayern e.V. kämpft gerade für einen bayerischen Kulturrettungsschirm. Darüberhinaus hat mittlerweile nahezu jeder Veranstalter nun Gutscheine anzubieten. Ist nun ja auch gesetzlich geregelt. Gutscheine für alle! Man möge bitte Merchandise von MusikerInnen kaufen und Platten in Lieblingsplattenläden wie z.B. im Bongartz, Schallplattenmann oder Monoton! POP ROT WEISS bietet in Kooperation mit der Musikzentrale außerdem eine Übersicht zum Thema Hilfsmittel für Musikerinnen an & die Lokalen Leidenschaften führen Skype-Interviews. Das Motto in dieser Krise sollte also #supportyourlocalscene sein – damit die Szene noch da ist, wenn die Krise vorbei ist.

Wir bleiben zuhause. Wir bleiben solange zuhause bis es wieder für alle sicher ist. Alle Menschen, jeden Alters. Oder? Denn ich will definitiv nicht auf den Gräbern anderer tanzen. Nicht auf einem einzigen, auch nicht wenn dieser Mensch „ja ohnehin bald gestorben wäre“. Meine Freiheit hört dort auf, wo sie die eines anderen Menschen beeinträchtigt. Punkt.

Ich freue mich darauf bald wieder im Publikum vor der Bühne zu stehen und hinter der Bühne zu arbeiten. Dieses „bald“ wird kommen. Bald. In der Zwischenzeit freue ich mich wieder Zeit für Sound Of My City zu haben und diesen Blog aufleben zu lassen. Währenddessen bleibe ich auf Abstand und hoffe, dass du das auch tust. Abstand ist leider ein Privileg das nicht jede*r hat. Also: #leavenoonebehind und #stayhome