Mach doch was Richtiges

„Warum suchst du dir jetzt keinen richtigen Job?!“, ist aktuell eine Frage die ich mir als Mensch im Kulturbereich vermehrt anhören darf. Ja, warum eigentlich?

Der konkrete Berufswunsch „Veranstalterin“ entstand bei mir im Jahre 2009, als ich im Alter von 14 Jahren vor einer Festivalbühne stand und das Gespräch der Festivalcrew gehört habe, die glücklich darüber waren wie gut ihr kleines Festival lief. Weil ich dort und an vielen anderen Veranstaltungsorten gesehen habe, dass die Crews und Künstler*innen zu Recht stolz sein können, habe ich diesen Beruf gewählt. All die Emotionen der Menschen vor und auf der Bühne zu erleben, kann einer Existenz Sinn verleihen. Damals wusste ich als Jugendliche vom Dorf: Dieses Arbeitsergebnis ist das was ich will. Das ergibt für mich Sinn. Schwer nachvollziehbar für viele Leute. Ich habe mal einen Sommer lang in einer Fabrik gearbeitet, da ist mir Tag für Tag die Lebenslust vergangen – ich habe Respekt für Menschen die das machen und bin froh, dass es sie gibt. Ich will und kann das aber nicht. Nach über 10 Jahren im Veranstaltungsbereich mit vielen Ups and Downs, kann ich mich glücklich schätzen als Veranstalterin arbeiten zu dürfen und davon leben zu können. Das ist gerade in der heutigen Zeit absolut gar nicht selbstverständlich und ich bin sehr dankbar in dieser Position zu sein. Ich liebe diese Tätigkeit, auch wenn ich hin und wieder zweifle und verzweifle. Manchmal wünsche ich mir wieder im Norden zu leben, denn es gibt viele Acts die im Norden besser funktionieren als im Süden und auch welche die komplett ausschließen in Bayern oder in kleinen Städten wie Erlangen zu spielen. Doch die Corona-Krise hat mir gezeigt, dass ich an der richtigen Stelle bin. Gehen oder bleiben? Die Antwort ist: Bleiben.

Genug zu mir. Ich möchte hier einen Einblick in meine persönlichen Gründe für Kulturarbeit geben, aber auch versuchen die Frage „Warum suchst du dir jetzt keinen richtigen Job?“, allgemein gegenüber Kulturschaffenden zu beantworten und die Notwendigkeit des Kulturbetriebs zu erläutern. Ich verstehe warum diese Rechtfertigung nötig ist. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass sie nicht notwendig wäre.

Ich will in einer Pandemie Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sein. Als Ende Mai der Bescheid kam, dass wir wieder mit kleinen Veranstaltungen loslegen, habe ich mich gefreut, bin aber auch wahnsinnig geworden aus Furcht dadurch Menschenleben zu riskieren. Doch es hat sich gezeigt, dass wir sichere Veranstaltungen durchführen können. Mir geht es nicht darum jetzt alle Vorsicht über den Haufen zu werfen und dem Virus eine Bühne zu bieten. Es gibt schlüssige Arten sichere Veranstaltungen mit mehr als den aktuell erlaubten Kapazitäten stattfinden zu lassen. Es gibt Konzepte und es gibt Profis die sie umsetzen könnten. Es gibt Wege die um ein Vielfaches besser als die aktuell aufkeimenden privaten Partys sind.

„Aber Sie können ja zum Beispiel zu Hause mit Ihrer Partnerin tanzen“ – Zitat Ministerpräsident Markus Söder. Irre wie die (bayerische) Politik all das was mir so unendlich viel bedeutet einfach schulterzuckend abtut.

Es soll irgendwann wieder möglich sein die Ekstase zu zelebrieren, die man erreicht, wenn man in einer Crowd tanzt. Clubnächte und Konzertabende soll es wieder geben, in denen man Bekanntschaften macht und sich ausprobieren kann. Moshpits, Stagedives, tanzende Menschenmengen. Nächte in denen man seine Grenzen kennenlernt und einfach mal eskaliert – all das will ich nicht missen und all das soll wiederkommen. Diese Erlebnisse sind oft sozial und charakterlich formend. Bei Festivals, Partys und Konzerten habe ich einige Freunde und Freundinnen fürs Leben gefunden. Es ist wichtig, die Orte an denen dies möglich ist jetzt am Leben zu halten.

Ein spaßiger Abend bei einem Pub Quiz, einem Poetry Slam oder einer Mixed Show können uns ein gutes Gefühl geben und uns den Alltag kurz vergessen lassen. Es sind auch gerade die nachdenklichen Augenblicke, die auf und vor der Bühne passieren für die ich brenne: Wenn ein ganzer Raum verstummt und an den Fingern oder Lippen eines Musikers oder einer Musikerin hängt, wenn ein vorgetragener Text oder eine politische Diskussion zum Nachdenken anregt oder wenn man ein Theaterstück erlebt das dafür sorgt, dass man nachts wach liegt und über das Gehörte und Gesehene nachdenkt. Morgens nach einer guten Veranstaltung mit dem Gefühl aufzuwachen etwas Echtes erlebt zu haben, gehört zu den Momenten wegen derer ich mir keinen anderen „richtigen“ Job suchen möchte.

„Warum machst du das nicht einfach ehrenamtlich, so nebenher?“, wenn alle Kulturschaffenden nur noch ehrenamtlich arbeiten, neben einem „richtigen“ Vollzeitjob, dann werden nicht annähernd so viele Menschen diese beschriebenen Veranstaltungsmomente erleben können. Dann wird es einfach weniger Veranstaltungen geben und viele Veranstaltungsarten würde es gar nicht geben. Vieles kann man nicht einfach so ehrenamtlich nebenher organisieren. Dafür fehlt dann die Zeit und die Möglichkeiten, wenn man in einem „richtigen“ Job steckt, anstatt sich auf die Kulturarbeit zu konzentrieren. Es gibt sehr viele großartige ehrenamtliche Kollektive und Vereine die wahnsinnig gute Kulturarbeit leisten, aber auch die werden gerade zerstreut. Auch denen fehlt die Möglichkeit zu veranstalten und auch diese Kollektive brauchen Mittel um ihre Veranstaltungen umzusetzen. Im ehrenamtlichen Bereich herrscht gerade ebenfalls Angst, dass Vereins- oder Kollektivstrukturen an der Krise sterben werden.

Viele der geschilderten Veranstaltungen kann man konzeptionell auch jetzt sicher durchführen. Wenn man die Veranstalter*innen lässt. Wir wissen wie man ein Publikum händelt: Abstand kann geregelt werden, Maskenpflicht kann geregelt werden, Hygiene kann geregelt werden. Ich habe Corona-konforme Veranstaltungen schon erlebt und habe mich sicherer gefühlt als im Supermarkt, im Bahnhof oder auf der Straße – dort wo viele Menschen nicht mehr auf Abstand achten und Masken bewusst unter der Nase hängen oder gar nicht mehr getragen werden. Personal oder Securitys, die zur Einhaltung ermahnen sind dort keine (mehr) zu finden, jedenfalls auf den Straßen und in den Geschäften in denen ich mich bewege.

Ich bin keine Bühnen-Künstlerin, ich habe zwar schon Auftritte absolviert als Bassistin, Moderatorin und Schlagzeugerin, aber aus diversen Gründen nun eben meinen Platz hinter den Kulissen gefunden. Mir geht es in dieser Krise vergleichsweise gut. Ich muss nicht vor Publikum stehen, aber es gibt Menschen die das müssen. Comedian / Slammer Hinnerk Köhn hat seine Gründe in seinem Video „Warum ich auftrete“ gut erläutert. Etwas überspitzt vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls hörenswert.

Ich mache mir Sorgen um das Wohlergehen dieser Künstler*innen und auch deren Crews. Manche trifft es härter als Andere, manch Eine*r sieht es entspannt, manche Menschen drehen durch. Ich höre sehr oft von Depressionen, Existenzängsten, Resignation und Selbstmordgedanken. Sei es in persönlichen Konversationen mit Bekannten oder öffentlich im Internet – die mangelnde Aussicht auf Auftritte und Touren belastet psychisch. Außerdem fühlt man sich verhöhnt aufgrund der eventuellen zweiten Infektionswelle durch Urlauber*innen und illegale / private Partymengen. Das hat auch Moritz Neumeier sehr gut zusammengefasst in seinem Video. Ich mache mir auch Sorgen, dass viele Akteure und Akteurinnen der Kulturbranche nun aufgeben und sich einen sicheren Job suchen (müssen), dass Clubbetreiber*innen, Vereine und Kollektive durch Zahlungsunfähigkeit aus ihren Räumen vertrieben werden. Gerade junge Menschen, die noch am Anfang stehen, werden nun noch mehr als ohnehin zögern im Kulturbereich tätig zu werden. „Da verdienst du ja nichts!“ – oft gehört und gerade für viele Menschen sehr wahr.

Ich wiederhole: Mir geht es nicht darum jetzt alle Vorsicht über den Haufen zu werfen und dem Virus eine Bühne zu bieten. Es gibt aber schlüssige und sichere Arten Veranstaltungen stattfinden zu lassen. Es gibt Konzepte und es gibt Profis die sie umsetzen könnten. Wir haben in Erlangen das Glück schon langsam zu starten in Form des Kultur-Biergartens, des Mini PopUp Open Airs auf der Kulturinsel Wöhrmühle und einem generellen Corona-Kulturbetrieb. Wir werden unterstützt, auch wenn die Bedingungen trotzdem nicht wirtschaftlich sind. An vielen Orten sieht es sehr viel schlimmer aus: Die Indie-Clubs und Punkschuppen, alternativen Locations und privatwirtschaftlichen Veranstalter*innen, Agenturen, Veranstaltungstechniker*innen, Cateringfirmen, Gastronomiebetriebe, Soloselbständige, Tourcrews sowie Künstler*innen uvm. müssen auch unterstützt werden.

Der „Corona-Kulturbetrieb“ lohnt sich finanziell nicht, aber er unterstützt auf verschiedene Weise: Man hat Angst vergessen zu werden, Angst dass die Leute nicht mehr kommen, wenn es endlich wieder „normal“ losgeht – weil sie sich daran gewöhnt haben ohne Kultur auszukommen. „Wir machen das um zu zeigen, dass wir noch da sind!“, ein Satz den ich in den vergangenen Wochen mehrfach gehört habe. Idealismus hat einen großen Stellenwert bei vielen Kulturschaffenden. Nur auf Social Media aktiv zu sein reicht nicht, deswegen machen wir jetzt Corona-Sichere Veranstaltungen. Außerdem muss es mit Veranstaltungen wieder losgehen, damit die Aussage (die mir gegenüber schon viele Leute geäußert haben), dass sie „nichts vermissen und ja eigentlich auch privat genug Unterhaltung haben“ als falsch quittiert wird. Eine Live-Veranstaltung kann nicht durch einen Videoabend oder Stream abgelöst werden. Eine WG Party mit Bekannten löst keine Clubnacht mit DJs ab. Wer jetzt dennoch sagt: „Private Veranstaltungen reichen doch!“, wird sich wundern, wenn bald weniger neue Musik kommt, weil sich die Lieblingsband es nicht mehr leisten kann ins Studio zu gehen. Wenn keine Bücher veröffentlicht werden, weil die Autor*innen ihre Kosten nicht durch Lesungen vor Publikum decken können. Wenn es weniger Veranstaltungen gibt, weil viele Gewerke pleite sind. Ihr werdet Euch wundern, wenn das kulturelle Leben nicht mehr in dem gewohnten Maße realisierbar ist, weil die Kulturschaffenden ihre Zeit aus finanziellen Gründen in „richtigen“ Jobs verschwenden müssen, anstatt ihre Zeit zu nutzen um der Welt Kunst zu geben.

Es braucht auch finanzielle Wertschätzung von zahlungsfähigen BesucherInnen. Eintritt auf Spendenbasis heißt „Bitte gib was du kannst“ und nicht „hier ist eine geschenkte Veranstaltung“! Ich erlebe oft, dass Leute die eher wenig Geld haben mehr in die Spendenbox stecken, als gut betuchte Besucher*innen. Kultur sollte für alle zugänglich bleiben, daher ist eine Erhöhung von Eintrittspreisen nicht die Lösung. Kultur sollte kein Luxusgut werden. Die aktuellen Ticketpreise sind nicht zu teuer, eher knapp kalkuliert zwischen „wie viel brauchen wir?“ und „wie viel sind die Leute bereit zu zahlen?“. Es Veranstalter*innen anzukreiden, dass sie sich auch andere Finanzierungswege wie Sponsoring suchen, halte ich für fragwürdig. Ja, Kultur sollte aus all den bekannten Gründen nicht von Konzernen aufgekauft werden, aber irgendwie muss sie finanziert werden. Lieber das Geld eines Sponsors anzunehmen, anstatt alles abzusagen sollte nachvollziehbar sein. Um eine komplette Kommerzialisierung und Konzernabhängigkeit der Kulturszene zu verhindern, braucht es jetzt finanzielle Unterstützung. Es braucht Hilfsmittel oder es wird bald sehr viel stiller werden und die Kulturlandschaft wird wesentlich weniger Vielfalt bieten.

Ich frage mich wo und wer ich jetzt wäre, wenn ich nicht mit 14 Jahren vor dieser Festivalbühne gestanden hätte und hoffe, dass Jugendliche in Zukunft vor diesen Bühnen stehen können.

Vielleicht mache ich mir auch zu viele Sorgen und sollte in meiner Position eher die Schnauze halten. „Entspann dich. Hilft ja nix, wird alles werden.“, das würde ich gerne einfach glauben während ich hier im Home Office sitze (wissend das andere Veranstalter*innen es aktuell noch weniger tun können) und nicht so umfangreich wie sonst das tun kann was für mich das Richtige ist: Veranstalten.

Wir sollten ein für alle mal eines in den letzten Monaten gelernt haben: Earth without art is just eh.

Titelbild / Band: Vizediktator / Foto: Lorena Seipp