Du kannst ruhig sitzen bleiben

„Der nächste Song ist tanzbar, ihr könnt ja dazu mit euren Stühlen kippeln!“ Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich im August 2020 diese Konzertansage von einem Musiker hören würde, hätte ich gelacht. Nun ist diese Ansage Realität, so gehört am Sonntag, den 02.08.2020 beim Konzert von Filistine im E-Werk Saal. Ganz neu ist das „Sitztanzen“ nicht, die Monsters of Liedermaching zelebrieren schon seit Jahren mit ihren Fans die Kunst des „Sitzpogos“. Bei den Monsters passt es zum Konzept des Musiker-Kollektivs. Doch wie kann man bei tanzbarer Livemusik nur sitzen bleiben?

Man stelle sich einmal den Saal des E-Werks vor, ein Veranstaltungsraum in dem normalerweise 1000 Besucher*innen ihre Lieblingskünstler*innen live erleben dürfen und in dem nun unter Einhaltung der Corona-Regeln maximal 100 Personen Platz finden. Betrachtet man diesen Umstand aus der Ferne wirkt der Gedanke recht gruselig, lässt man sich darauf ein ist es doch besser als ohne Livemusik auskommen zu müssen.

In solch ungewohnten Kulissen kommt es sehr darauf wie die Musiker*innen an die Situation herantreten. Wenn ich Artikel über das NENA Konzert in Köln lese, bei dem die Fans in Plexiglas-Bereichen vor der Bühne befanden und die Musikerin sich scheinbar mehrfach darüber beschwerte, dass die rund 1.000 Fans nicht laut genug waren in der eigentlich 20.000 Besucher*innen fassenden Lanxess-Arena, wird mir schlecht. Dagegen haben Filistine der Unwetterbedingten Verlegung ihres Konzertes vom E-Werk Biergarten in den Saal wesentlich souveräner getrotzt: In intimen Rahmen ließen sich die Musiker die Spielfreude nicht nehmen und schafften es das Publikum mit ihrer Musik gepaart mit bodenständigen Ansagen zu begeistern.

Es ist in Kulturkreisen durchaus eine aktuelle Grundsatzdiskussion: Veranstalten wir jetzt nur noch Shows mit Acts bei denen es einfach ist sitzenzubleiben? Meine Meinung nach kann das keine Lösung in der Krise sein. Tanzbare Bands haben genauso ein Recht auf Auftrittsmöglichkeiten wie ihre sanfteren Kolleg*innen.

Man kann es nicht leugnen: Etwas absurd kommt man sich schon vor, wenn man auf seinem Stuhl sitzt und krampfhaft nicht versucht aufzuspringen und zu tanzen. Aber es geht. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge freut man sich zeitgleich endlich wieder Livemusik zu erleben und trauert derweil den wilden Konzertabenden mit Tanz und Eskalation hinterher. Am Ende des Abends zieht man dann im besten Fall ein Fazit mit der Band: „Das hat gut getan!“ Auf so vielen Ebenen tut es gut aktuell Livemusik zu zelebrieren. Im April hätten wir nie gedacht diesen Sommer noch Konzerte zu erleben. In Zeiten wie diesen sind diese Sitzkonzerte doch ein Trostpflaster. Diese Shows machen Hoffnung sich bald wieder bei Konzerten mit eben jenen Bands, die man nun sitzend supportet, dichtgedrängt vor der Bühne bewegen zu können.

Wie die Ärzte in ihrem Song „Unrockbar“ schon gesungen haben: „Wie kannst du bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben?“ Ich kann es aktuell, weil ich weiß, dass ich wenn ich jetzt nicht zur Livemusik sitzen bleibe in Zukunft vermutlich nicht mehr so oft dazu aufstehen und tanzen kann. Weil Bands und Clubs und alle dazugehörigen Kulturschaffenden dann vielleicht nicht mehr so umfangreich wie jetzt da sind. Das scheint vielen Menschen nicht bewusst zu sein. „Ach, ich komme wenn es wieder normale Konzerte gibt!“, diese Aussage ist leider zu kurz gedacht und nicht hilfreich für die Kulturschaffenden in der aktuellen Situation.