Freudentränen, Gewitter, Gänsehaut und Festivalfeeling – Kulturinsel Wöhrmühle

Den ganzen Festivalabsagen zum Trotz und unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln findet in Erlangen seit Mittwoch, den 12.08.2020 ein Festival statt! Das Mini PopUp Open Air auf der Kulturinsel Wöhrmühle. Von Indie über Folk und Pop bis Jazz und dem Poetenfest wird hier ein abwechslungsreiches Programm geboten. Das Open Air ist eine Kooperation zwischen der Stadt Erlangen, dem Erlanger Poetenfest, dem Kulturzentrum E-Werk und Erlanger Veranstalter*innen wie dem Klassikkultur e.V., der Theaterbühne fifty-fifty und der Musikkneipe Strohalm.

Als Teil der E-Werk Crew war ich natürlich beim Aufbau und den ersten Festivaltagen dabei! Das waren definitiv die schönsten Tage seit März 2020. Endlich wieder Live-Kultur im größeren Rahmen als der E-Werk Biergarten bereits seit dem 18.06. bietet! Endlich wieder überregionale Bands und lokale Lieblingsacts auf der Bühne!

Nachdem es am Dienstag mit starken Regenfällen, Hagel und Gewitter den Aufbau und alle Helfer:innen gegen Abend durch und durch genässt hatte und das E-Werk mal wieder überflutet wurde, war den ganzen Mittwoch über zittern angesagt: Es war weiterhin Gewitter gemeldet. Sollten wir etwa nach all der Arbeit nun das erste, nahezu ausverkaufte Konzert wetterbedingt absagen müssen? All den Besucher:innen die Mitteilung geben zu müssen, dass nun trotz Corona-Konformen Veranstaltungskonzepts wieder eine Absage anstand, war ein Horrorgedanke. Nach dem ein oder anderen kleinen Regenfall tagsüber, blieb das Wetter am Abend jedoch stabil: Sarah Lesch durfte auftreten! Zur Freude der Crew und Besucher:innen. Die hippieske Musikerin ließ es sich nicht nehmen nahezu zwei Stunden zusammen mit ihrem langjährigen Musikerkollegen Eric Manu zu spielen. Dabei bewegte sie sich leichtfüßig zwischen Poesie, Witz und Musik. Rief zum Zusammenhalt in diesen dunklen Zeiten auf und hinterließ ein zufriedenes Publikum. Glückselig endete so das erste Konzert in der wunderschönen Kulisse der Kulturinsel Wöhrmühle.

Am zweiten Tag sollte Wallis Bird spielen. Die irische Wahl-Berlinerin hatte seit fünf Monaten kein Konzert mehr gegeben. Nach dieser langen Zeit würde sie nun also in Erlangen wieder die Bühne betreten. Den ganzen Tag über ging der Blick meiner Kolleg:innen und mir immer wieder gen Himmel: Scheiß Gewitterwolken! Wehe ihr brecht heute los! Nachdem wir kurz vor Einlass die mehr als 200 Stühle trocken gewischt hatten, blieb weiterer Regen aus. Wieder Glück mit dem Wetter! Zum Einlass hin hatte ich Feierabend und traf mich mit guten Freund:innen auf ein Bier am Fluss. Es kam richtiges Festivalfeeling bei uns Dreien auf. Herrlich hier in der Natur zu sitzen, die Leute zu beobachten, über Musik zu reden und auf das Konzert zu warten. Diese sorgenlose Bubble, die die Kulturinsel Wöhrmühle bereits am zweiten Veranstaltungstag für mich geworden ist, soll bitte niemals platzen. Lediglich die Masken, die brav von allen Gästen getragen werden, solange sie sich nicht am Sitzplatz befinden, erinnern an die Realität außerhalb des Open Air Geländes.

Püntklich um 20:00 Uhr sitzen wir dann auf unseren Stühlen, innerhalb einer Sitzreihe darf man die Stühle, die grundlegen in Zweierpaaren aufgestellt sind, zusammenrücken um dann zusammen mit seinen Begleiter:innen sitzen zu können. So sitzen wir mal auf unseren Plätzen, mal laufen Lea (Funklust) und ich mit unseren Kameras über das Gelände um endlich wieder Konzertmomente einzufangen und lauschen derweil verzückt Elena Steri, die als Support den Konzertabend eröffnet. Die junge Musikerin aus Nürnberg verzaubert das Publikum mit ihren einfühlsamen Songs. Nach einem zwanzigminütigen Support-Set und einem kurzen Umbau ist es dann soweit: Wallis Bird betritt freudestrahlend und sichtlich aufgeregt die Bühne. Anstatt loszuspielen, nimmt sie das Mikro in die Hand und begrüßt das Publikum. Nach eigener Aussage fühlt sie sich in Erlangen richtig wohl: Sie und ihre Crew haben hier Lieblingsplätze, Lieblingsläden, Lieblinkslokale – es sei immer wieder schön hier zu sein. Solche Dinge sagen Musiker:innen gerne mal während Konzerten, bei Wallis hat man aber das Gefühlt dass sie es auch wirklich so meint. Dann legt sie los und spielt als gäbe es kein Morgen mehr! Ganz alleine auf der Bühne turnt sie durch ihr Set, improvisiert, lässt Gitarrensaiten reißen und steigert sich in endlose Euphorie. Derweil ist sie auch recht gesprächig und erzählt in ihren herzallerliebsten Ansagen auf Denglisch wie es ihr in den letzten Monaten ergangen ist. Ich verbringe die ersten zwei Songs noch mit Fotografieren und beschließe dann den Rest des Konzerts von meinem Sitzplatz aus zu genießen. Diese endlose Glückseligkeit und Energie, die Wallis Bird bei ihrem recht wilden Konzert ausstrahlt treibt mir das ein oder andere Mal Freudentränen ins Gesicht und Gänsehaut auf die Arme! Mir ist eines definitiv und endgültig klar: „That’s What Life Is For!“ – für solche einprägsamen Konzerterlebnisse lohnt es sich zu leben. Diese Erkenntnis hat hoffentlich auch Wallis Bird, die in einer Ansage noch erzählt, dass sie in der Krise überlegt hat alles hinzuschmeißen und „Carpenter“ (Zimmermann / Zimmerfrau) zu werden. Endlich was „Richtiges“ machen… Als sie ihre Crew als Mitmusiker:innen auf die Bühne holt und mit Tracey und Aidan (u.a. auch Gitarrist bei Sam-Vance Law und Sänger bei Floatinghome) zusammen singt, kann man nicht anders als die Drei in sein Herz zu schließen und sich zu wünschen, dass diese musikalische Achterbahnfahrt mit all den gerissenen Saiten und der endlosen Spielfreude niemals endet! Doch wir sind ja in Bayern (ich meine Franken), daher muss die Musik aus Liebe zu den Anwohner:innen um 22:00 Uhr aus sein. Das ist sie nach einer kurzen Zugabe dann auf die Sekunde genau auch.

Wir trinken noch glücklich unser Bier aus und verschwinden dann zusammen mit Elena Steri zum Bahnhof. Auf dem Heimweg entsteht eines dieser geliebten Aftershow-Gespräche, über Musik und Business, die man endlos weiterspinnen könnte. „Morgen ist ja glücklicherweise auch noch ein Veranstaltungstag, sowie in den kommenden zwei Wochen jeden Tag!“, denke ich und bin endlos glücklich Teil dieses Open Air sein zu können.

Am Freitag, den 14.08.2020 darf ich dann endlich wieder ein Konzert durchführen. Aufgrund meiner Reise zu Beginn des Jahres und des Veranstaltungsverbots durch die Corona-Pandemie ist meine letzte Veranstaltungsbetreuung acht Monate her. Die letzte Show, die ich betreut habe war MINE am 19.12.2019 im E-Werk. Hätte mir damals jemand erzählt, dass ich erst Mitte August wieder an einer Bühne arbeiten würde, hätte ich diese Person ausgelacht. Also: Konzert durchführen – wie ging das nochmal? Catering einkaufen, Backstage vorbereiten, Kühlschrank auffüllen, Desinfektionsmittel aufstellen, Bühne zusammen mit Technikern vorbereiten, Wetterbericht im Auge behalten, Künstler:innen begrüßen und einweisen, Backline durch die Gegend schleppen, Aufbauen, Soundcheck, Abendessen-Bons verteilen, GEMA-Listen einsammeln, zwischendurch ein paar Mails schreiben (Home Office auf der Wiese – yeah!), Stühle trocken wischen und dann: Einlass! Am Ende kommen trotz erneuter Unwetterwarnung über 100 Besucher:innen auf die Wöhrmühle.

Als Alex & The Lights die ersten Töne spielen reißt die dichte Wolkendecke auf und die Sonne scheint. Herrlich! Wer sich in den letzten Jahren mit der lokalen Musikszene außeinandergesetzt hatte, sollte Alex Perez kennen. Nun hat er sich zwei Mitmusikerinnen gesucht: Michi (die bereits früher Backingvocals gesungen hat) und Johanna (Geige, Klavier, Gesang) bilden „The Lights“. Das Trio harmoniert unfassbar gut. Mit catchigen Folkpop-Songs leiten sie den Abend ein. Bei „Musik von Hier“ treten ausschließlich Acts aus Erlangen auf. Erlangen, nicht Nürnberg, Fürth, Bamberg oder Forchheim, sondern ganz strikt aus Erlangen. Und wer ist aus der Erlanger Musikszene nicht wegzudenken? Point & die Spielverderber! Die Erlanger Herren um den Liedermacher Peter „Point“ Gruner spielen seit vielen Jahren zusammen auf lokalen Bühnen. Schallplattenmann-Bernie am Bass, Johannes Ehrl an Piano, Rhodes, Hammond und Tim Kalenbach am Schlagzeug. Point ist ein großartiger Texter, der mit viel Wortwitz zu überzeugen weiß. Dabei bewegt sich die Band musikalisch zwischen Blues, Folk und Rock’n’Roll – schwer dabei sitzen zu bleiben anstatt aufzuspringen und zu tanzen. Point weiß die Situation zu überspielen und fordert zum Sitztanzen auf, das klappt nach kurzer Zeit auch erstaunlich gut.

Das Publikum ist heute sehr interessant gemischt, während Point und die Spielverderber ältere Generationen zu ihren Fans zählen, haben Nikki mit dem Beat scheinbar durchweg junges Publikum mitgebracht. Spannende Mischung. Wie das funktioniert sehen wir dann am letzten Auftritt des Tages: Nikki mit dem Beat.

Mit umfangreicher Lichtshow und souveräner Performance wissen die vier Musiker das Publikum zu begeistern. Deutschpop, der auf große Bühnen gehört. Aber leider auch einer dieser Bands zu denen man lieber dichtgedrängt tanzen will, anstatt brav mit Abstand auf seinem Stuhl zu sitzen. „Come on baby bitte dance, dance, dance!“, heißt es ja schließlich in einem Songtext der Band. Nichtsdestotrotz macht die Show Spaß und lässt sich auch im sitzen genießen. Die eingefleischten Nikki-Fans wissen auch im Sitzen abzugehen, das haben sie ja schließlich schon ausgiebig mit Point & den Spielverderbern geübt: Sitztanzen ist das neue Pogo!

Am Samstag spielte dann der Erlanger Jazzmusiker Torsten Goods + Friends und Special Guest Julian Wasserfuhr auf der ausverkauften Kulturinsel Wöhrmühle. Das Jazz-Publikum trotzte während der Einlasszeit dem Regen und kam dann bei bestem Wetter in Genuss eines versierten Konzertabends auf höchstem Niveau. Das erste Wochenende schlossen dann am Sonntag der Kindermusiker Geraldino und seine BubbleBoys ab – endlich wieder KinderKultur!

Das besagte Sitztanzen kann in den kommenden Wochen noch ausgiebig erprobt werden: Am Mittwoch bei den Rikas, am 20.01. (auch ohne Tanz, dafür still lauschend) bei dem Pianisten Martin Kohlstedt. Am 21.08. bringt dann die eigens für das Benefiz des Strohalm gegründete Band „Straw’s Blues Project“ die Sitzenden zum Shaken. Am Samstag kann man ruhig sitzend Patrick Salmens amüsanten Anekdoten und Geschichten lauschen. Am 24.08. kommt Voodoo Jürgens endlich wieder nach Erlangen und wird mit viel österreichischem Wortwitz und Musikalischen Schmankerln begeistern. Als kleiner Ersatz für den Folk im Park Nachfolger „Unten am Fluss“ spielen die großartigen Black Sea Dahu am Dienstag, den 25.08. auf der Kulturinsel Wöhrmühle. Am 26.08. kommen wir in den Genuss eines Accapella Konzertes von Maybebop. Vom 27.08. – 30.08. gehört die Insel dann den Poeten, denn das Erlanger Poetenfest feiert 40. Jubiläum! Am Donnerstag zelebriert Bayern 2 eine Nacht der Poesie, am Freitag lädt der Erlanger Song Slam zum Entdecken ein, am Samstag spielt Dota ein besonderes Konzert in Form des „Mascha Kaléko“ Abends und am Sonntag schließt eigentlich der Poetry Slam das Mini PopUp Open Air ab. Doch was wäre ein solches Festival ohne Zugabe?! Als Zugabe kommt Thees Uhlmann am 31.08.2020 auf die Kulturinsel Wöhrmühle und mach Halt mit seiner „Songs & Stories“-Tour in Erlangen.

Das komplette Programm und Tickets gibt es unter www.e-werk.de/kulturinselwoehrmuehleminipopupopenair/