John Steam Jr. – Simple

Ein Album in diesem Seuchenjahr zu veröffentlichen scheint auf den ersten Blick ähnlich sinnvoll wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.
John Steam Jr. hat es trotzdem getan und damit alles richtig gemacht. Warum das so ist, lest Ihr hier.


„Simple“ heißt der neue Langspieler von Nürnbergs versiertem Saitenbändiger. Anders als der Name impliziert ist diese Platte alles andere als simpler als ihr famoser Vorgänger „Anywhere But Here“. Die Arrangements auf „Simple“ sind durchdachter, ja alles klingt irgendwie reifer, organischer.
Der Titeltrack eröffnet das Album mit einer sanft gezupften Gitarre und einem noch sanfter angeschlagenen Klavier. Alle Instrumente haben ihren Raum, genug Platz, um atmen. Man hört, wie die Saiten der Gitarre auf die Bünde gedrückt werden. Die ersten Takte klingen wie ein Sonnenaufgang über den Feldern von Tennessee – Morgentau inklusive. John Steam Jr. selbst sagt über Simple, dass Simple ein Song ist „der von den kleinen, den einfachen und gleichzeitig den wichtigsten Dingen handelt“ und gibt damit auch gleich die Marschroute für den Rest des Album vor.
Im Vergleich zu „Anywhere But Here“ ist „Simple“ weniger punkig, dafür deutlich mehr vom Country/Americana-Sound inspiriert. Dass das aber auch beides gleichzeitig passieren und harmonieren kann, zeigt der Song „Autopilot Off“, der so klingt, als wäre er der neue Lieblingssong von Trucker Dan, der sich zum Feierabend gerne mal ein ordentliches Rumpsteak auf den Grill knallt. Genauso schmeichelt der Song auch den Gehörgängen von links-grünversifften Grünkern-Grillern.
Highlight des Albums ist das Lied „What Happens To The Best Of Us“. Der Song beschreibt einzelne Schicksale, trotzdem oder genau deswegen findet man sich in den Zeilen sofort wieder. Ja, dieses Jahr war/ist für alle ziemlich bescheiden, aber niemand muss da alleine durch. Oder wie es JSJR sagt:

“They say we all have weight to carry
No need to lift it on your own
Let’s reach out with helping hands
Let’s just make gravel out of stones“

„What Happens To The Best Of Us“ ist hauptsächlich mit Klavier, Gitarre und Bass instrumentiert, doch was diese Aufnahme so besonders macht, ist die Mandoline, die sich wie aus dem Nichts mit ihrer Melodie direkt über die Ohrmuschel ins Herz singt.
„Simple“ deckt eine wirklich beachtliche Bandbreite an amerikanischer Gitarrenmusik ab, ohne dabei inkohärent zu wirken. „Cardboardsings“ ist flotter Country mit einer Prise Acoustic-Punk. „Lord Of The Swamps“ klingt genau so, wie man es sich nach dem Lesen des Titels vorstellt: Bluesige Akustik- trifft auf dreckige Slide-Gitarre.

So aber warum war es jetzt sinnvoll das Album in diesem Jahr zu veröffentlichen?

„Simple“ beschränkt sich aufs Wesentliche. Jede Zeile ist gut durchdacht. Nichts klingt überladen und man merkt in jeder Sekunde die Leidenschaft und die Spielfreunde, die hier hineingeflossen sind.
Und das macht das Timing so gut. Nie war es wichtiger sich auf das Wesentliche zu beschränken und dabei nicht das zu verlieren, was einen antreibt.
Wenn alle zusammen das verinnerlichen was  „Simple“ ausmacht, dann werden bald auch die größten Steine wieder kleine Kiesel sein.

Weitere Infos unter http://www.johnsteamjr.com

Titelfoto: Cris Citivillo